Anna Rosa Rupp: Interview

Wie kamst du auf die Idee mit Licht zu arbeiten?
Im Grunde wurde ich von Bettina Pelz dazu eingeladen aus meinen Druckgrafiken eine Lichtprojektion zu entwickeln und diese Kompositionen raumgreifend werden zu lassen.
Das hier ist meine erste Arbeit mit Licht, eigentlich komme ich aus dem Feld der Zeichnung.
Aber da ich sowieso die Einstellung mit meiner Arbeit verfolge unfokusiert in verschiedenen Medien Zeichnung einzusetzen und diese auf unterschiedlichsten Oberflächen „auszubreiten“, hat mich die Idee gereizt meine Auseinandersetzung in Form von der Ausbreitung von Licht weiterzudenken.
Für all meine kreative Arbeit liegt die Einfachheit und Unmittelbarkeit der Zeichnung zu Grunde.
Es gefällt mir somit in diesem Projekt ihr eine weitere Dimension zu geben, und die Sinnlichkeit von Ästhetik, die mir wichtig ist, auf ihre Art zu steigern, indem eine Komposition begehbar wird.
Andererseits passt diese Zusammenkunft gerade sehr gut, da ich sowieso schon bei der Erstellung der grafischen Drucke, die auf abstrakten Zeichnungen basieren, die Idee den Raum der Zeichnung nicht auf einem begrenzten Rahmen eines Blattes stattfinden zu lassen, sondern ihn zu brechen, um der Linie mehr Raum und Platz zu geben.
Für mich ist Zeichnung eine körperliche Erfahrung, da es eher meine Hand ist, die zeichnet, als meine begrifflichen Gedanken. Mein Anliegen liegt darin, die Körperlichkeit der Zeichnung zu betonen, und den ganzen Körper zeichnen zu lassen. Damit wird Zeichnung automatisch raumgreifender und auf die Linie „endlos“. Das Medium durch das sie sichtbar wird kann somit vielseitig sein.

Was war das beste Feedback für dich?
Die Reaktionen die ich bekomme, seit dem ich mich entschieden habe, nicht mehr mit einer Art Angst und zu vielen kontrollierenden Gedanken zu zeichnen oder allgemein „kreatives“ zu sein.
Zeichnung kann so erbarmungslos sein, denn es ist schwer gedankenlos zu akzeptieren, was da „aus einem raus kommt“. Es geht also viel um Vertrauen und Loslassen, dass überhaupt etwas passiert.
In meiner Abschlussarbeit 2017 habe ich tatsächlich mich bewusst entschieden, die Zeichnung zu erforschen ohne ihr ein Thema zu geben, sozusagen nur nach der Lust zu zeichnen.
Auf der Suche nach der ganz eigenen Ästhetik, löst man sich von absoluten Erklärungen und Bedeutungen. Es geht für mich somit in der Auseinandersetzung viel um Befreiung.
Ich habe das Gefühl, dass diese Art Befreiung in dem positiven Feedback zurück kommt, da die Bilder auf eine andere Art verstanden werden, die nicht nach einer Begreifbarkeit suchen.

Warum hast du Dich entschieden nach dem kleinen Hildesheim zu kommen?
Ich wollte diese Herausforderung annehmen. Anfangs war es noch gar nicht klar wie die Arbeit aussehen wird. Zu verdanken habe ich das wohl dem Vertrauen Bettina Pelz’, als sie ein Potenzial in meinen – weit entfernt von Licht – Arbeiten gesehen hat.
Außerdem würde ich jede Einladung annehmen, egal wo sie stattfindet, wenn sie in so einem familiären und herzlichen Umfeld organisiert wird. Es ist schön zu sehen welche Dringlichkeit und Wachheit Menschen haben können, wenn es darum geht Kunst und Kultur zu fördern.
Insofern ist künstlerisches Arbeiten nicht nur in dem Prozess bereichernd, sondern auch weil es mir die Gelegenheit gibt „auf Reisen“ zu gehen und interessierte Menschen kennen zu lernen.

Was verstehst du unter „Öffentlichkeit“? Was bedeutet es für dich „öffentlich“ zu arbeiten?
Das fällt mir nicht leicht zu beschreiben. Aber womöglich ist dieses Diffuse eine Eigenart von Öffentlichkeit. Sie ist nichts bestimmtes, sie bietet einen begrenzten Raum und eine endliche Zeit, in die man so reinschlupft und sich irgendwie für den Moment erfinden kann. Es scheint mir eher als etwas „Gemachtes“ als etwas „Gegebenes“. Wie ein fokussiertes Licht, in dem der Moment der Ereignisse starr wirkt aber unbemerkt durch alles Neue rasant ersetzt werden kann. Insofern kann Öffentlichkeit erbarmungslos sein, es fordert eine Ehrlichkeit und Purheit heraus, auf die viel schneller eine Reaktion folgen kann.
Das Öffnen nach Außen hilft seine eigenen „Blasen“ platzen zu lassen, aus dem Alltag, der Zurückgezogenheit, dem Privaten, eine Aufmerksamkeit zu bekommen, in Kontakt zu treten, also einen Austausch zu starten. Echte Reaktionen zu bekommen, von Leuten die nicht in meiner Blase sind. Ich bin immer nach Austausch aus. Kunst und Kultur hilft mir mich auf einer sehr persönliche Weise auszutauschen, in der Öffentlichkeit wird das wohl noch gesteigert.

Wie arbeitest du mit Licht / Sehen als Erfahrung?
Zeichnung ist pures Sehen. Dazu gibt es sehr viel zu sagen. Sehen kann sehr vielschichtig sein, metaphorisch, sinnlich — gerade beim Prozess des Zeichnens.
Man lernt dabei ein pures „Sehen“. Meiner Meinung nach geht es dabei darum, DASS man zeichnet und nicht WIE man zeichnet — Zeichnung ist nur Übung, jeder KANN zeichnen.
Es geht weniger darum, die direkte Realität zu übertragen, denn man wählt automatische aus, es entstehen immer andere Bilder. Zeichnen ist auch immer eine innere Einstellungsfrage. Man schaut, kontrolliert aber nicht, also sehen wir immer neu.
Es entsteht ein Rhythmus des Sehens: eine bestimmte Fokussierung des Auges, ein plötzliches Bemerken, Wahrnehmunsaugenblicke.
Es entstehen Art Muster und Abstraktionen. Dabei fließt die Psyche immer mit, unser eigenes Gefühl, wie wir drauf sind, da wir in dem Moment sehr fokussiert sind und die Bewegungen auffangen.
Man erkennt beim Zeichnen Maßverhältnisse, Abstände und v.a. die „Zwischenräume“, die man sonst nicht sieht. Daher wird das Beobachten wie zu einer Art Erkenntnis über die Konstitution der Dinge.
Allein beim „Abzeichnen“ meiner Umgebung begreife ich die Innerlichkeit durch das Übertragen in meine eigene Innerlichkeit — es geht ja durch mich „hindurch“ muss.
Es gibt auch das die Zeichenübung des „Blindzeichnen“, um das „direkte“ Sehen zu üben. Dabei schaut man nicht auf das Blatt und „kontrolliert“ die gezeichnete Linie, sondern man „vertraut“ der Hand an, die Linie so nachzuführen wie die eigenen Augen die Konturen wahrnehmen, Stück für Stück. Damit öffnet man sich seiner eigenen körperlichen Wahrnehmung und das Sehen löst sich von einem begrifflichen, sprachlichen Denken und von Kontrolle. Es fließt immer mehr in ein Verknüpfen der Sinne. Es geht sozusagen unmittelbarer in ein Rein – Raus.
Somit lerne ich das Äußere durch den inneren Blick kennen, auf eine körperliche unsprachliche Weise.
Wenn ich gerade viel gezeichnet habe, spüre ich tatsächlich meine eigene Sensibilisierung auf das Äußere, es scheint so als wäre eine Kanal in meiner Wahrnehmung offener, durch das alles ungefilterter hindurchgeht.
Persönlich habe ich so „wirklich“ zeichnen gelernt und klarer zu sehen.
Wenn Licht als Klarheit, Erhellung und Erkenntnis gedeutet wird, ist die Zeichnung mein Licht. Es hilft mir aus dem Verborgenen, Unbemerktes an die Oberfläche zu holen. Die reine Wahrnehmung ist pure Öffnung.

Beschreibe deine perfekte Arbeitsatmosphäre.
Raum und Zeit zu haben, eine gefühlte Endlosigkeit und Offenheit in der „alles erlaubt“ ist.
Dann kann alles passieren.

7. Möglicherweise eine nicht sehr ernstgemeinte Frage: Wenn du dich / deine Arbeit mit einem Tier vergleichen müsstest, welcher Charakter wäre am ähnlichsten?
Oder noch besser: Welche Lichtquelle wäre es?
Meine Arbeit zeigt sich durch verschiedene Medien, durch das immer das eine gleiche „Licht“ an die Oberfläche kommt. Mit der suchenden, sich ständig neu befragenden und wiederholenden Line wühle ich in der Dunkelheit.

Interviewed by Nour Jihène Maziti