Judith Röder: Die Inhalte entstehen mit dem Material

Seit mehr als 15 Jahren sind Glas und seine physischen, ästhetischen und metaphorischen Vorzüge das Material der Wahl in der künstlerischen Praxis von Judith Röder. Sie weiß um die Vielfalt der physikalischen Qualität von Glas und von Licht und komponiert daraus ein Wechselspiel. Sie experimentiert mit den transluzenten Eigenschaften von Glas ebenso wie mit den Reflexions- und Brechungseigenschaften beim Filtern von Licht. „Sich auf nur ein Material zu konzentrieren erfordert Zurückhaltung und Konsequenz, aber es gibt auch die Freiheit die vielfältigen Möglichkeiten zu erforschen, die es bietet. Die Künstlerin versucht jedoch nicht, neue Qualitäten zu schaffen, sondern vielmehr die vorhandenen aufzudecken, so verwendet sie in ihren Realisierungen oft industrielles oder wiedergewonnenes Glas. Ihre bisher dem Auge und dem Verstand verborgenen Eigenschaften werden in ihren konzeptuellen Arbeiten isoliert und in Gang gesetzt. Dank dieses Übergangs wird die Energie des ruhenden Körpers zur Aktionsenergie.“[Zofia Reznik: Alternative Zustände der Materie].

Für einen Teil ihrer Arbeiten zeichnet sie auf Glasoberflächen, indem sie sie zerkratzt bis sie ihre Transparenz verlieren. Die Tradition des Gravieren von Glas ist so alt wie die Glasherstellung selbst und datiert sich zurück auf eine Zeit lange bevor die Glasbläserei erfunden wurde. Der britische Künstler Simon Whistler [1940-2005] beschrieb das Gravieren von Glas als Zeichnung mit Licht: „Meine eigene Analogie von Glas ist die Vorstellung, dass es tatsächlich aus Licht besteht; Licht gefangen zwischen zwei polierten Oberflächen. Wo ich an der Oberfläche kratze, an dieser Stelle wird das Licht freigesetzt. Die Aufgabe des Graveurs ist es, das Licht so zu finden und freizusetzen, wie es seine Ideen am besten zum Ausdruck bringt.“ Judith Röder interessiert sich für den Weg des Lichts durch Glas zu den optischen Eigenschaften, die unter der transluzenten Oberfläche liegen.

Ihre Arbeiten umfassen einzelne oder mehrere Schichten von Glasscheiben als Reliefs oder Skulpturen. Sie nutzt eine Vielzahl von Lichtquellen, darunter Tageslicht, UV-Licht und digitale Projektion für ihre Installationen. In ihrer konzeptionellen Herangehensweise wählt sie Licht- und Glasmaterial in Bezug zu den phänomenologischen und ästhetischen Aspekten, die ihr bedeutsam erscheinen. Der Raum ist das dritte Baumaterial, das Judith Röder für die Komposition ihrer Werke verwendet. In ihren Kompositionen überlagern sich die Geometrien von Licht und Glas mit denen des Raums und orchestrieren das Zusammenspiel von Werkposition und Blickwinkel.

Mit der Projektion von stillen und bewegten Bildern auf Glasobjekte reflektieren ihre Arbeiten die Transformation und Modifikation von Bildern durch die Linse der Kamera, durch die Optik des Bildprojektors und durch das menschliche Auge als wahrnehmendes visuelles System. Sie richtet ihren Fokus auf die ästhetischen Erfahrung als Moment der Kontemplation und Forschung. Und ihre Bildsprache lotet die Übersetzungen auf dem Weg durch Material und Medien aus. Offensichtlich steht die Dynamik von Interdependenzen im Fokus ihrer künstlerischen Forschung und gibt ihren konzeptionellen Ideen Raum.

Text: Bettina Pelz