Marcus Neustetter: Interview

Marcus Neustetter ist Künstler und kultureller Aktivist aus Johannesburg, Südafrika.

Interview: Sonja Tautz

Warum hast du dich entschieden nach Hildesheim zu kommen und an den EVI LICHTUNGEN 2018 teilzunehmen?

Ich interessiere mich für Experimente mit Licht, die mehr sein wollen als nur dekorativ und spektakulär und eher konzeptionelle, provokative Statements sind. Die Auswahl der Arbeiten und die gegenwärtige Diskussion, die durch Initiativen und Gespräche über Hildesheim hinausreicht, beschäftigen sich sowohl mit vielfältigen Arten der Licht – Technologie als auch mit global relevanten Diskursen. Ich nehme an den EVI LICHTUNGEN teil, nicht nur, um meine Arbeit im Kontext dieses speziellen Ortes zu präsentieren, sondern auch um eine Position im aktuellen Diskurs einzunehmen, wie das Medium ein Publikum erreichen und mehr provozieren kann, als die künstlerische Intention vorgibt.
Auf einer persönlichen Ebene versuche ich mich mit meiner europäischen/südafrikanischen Identität auseinanderzusetzen. Meine Eltern verließen Europa vor langer Zeit und ich wurde in Südafrika geboren. Nun versuche ich meine Wurzeln in Europa zu verstehen und zu ergründen. Die Möglichkeit dies in einem deutsch-sprechendem Kontext zu reflektieren und einige meiner künstlerischen Praktiken und Erfahrungen aus dem Süden mit einzubringen, ist auch die Möglichkeit, um über meinen Zustand und wie ich dazu gehören könnte, nachzudenken.

Welchen Einfluss hat Licht in deinem Leben? Wann hast du zum ersten Mal erlebt, dass Licht einen Einfluss hat?

Seit ich mich erinnern kann, habe ich mit Licht gearbeitet. Mein Vater war Fotograf mit seinem eigenen Licht-Studio und einer Dunkelkammer und muss damit mein Denken beeinflusst haben, obwohl der größte Teil meiner heutigen fotografischen Arbeiten nur Dokumentationen von Licht-Interventionen in öffentlichen Kontexten sind – oft ohne, dass ich diese Dokumentation bewusst kontrolliere.
Meine früheren Arbeiten haben sich auch mit dem Computer auseinandergesetzt, dem inneren Licht der Maschine, Überlegungen über den Bildschirm und die Macht, die ihm inne ist.
In Post-Apartheid Südafrika, wie in vielen anderen Orten auf der Welt, sehe ich jetzt die Machtdynamiken, die daraus entstehen je nach dem, wem das Licht gehört – im übertragenden Sinne als auch wörtlich gemeint. Ich denke was sich geändert hat, ist meine Erkenntnis über meine Position zum Licht und was diese bedeuten kann. Eine Schlüsselerfahrung, auf der diese Realisation beruht, war, als ich vor vielen Jahren den Kilimanjaro bestieg, auf der Suche nach Bedeutung. Die Erleuchtung hatte ich nicht, als ich den Gipfel erreichte, sondern in einer der Nächte davor, als ich die Lichter der Basis-Stadt Moshi sah, die sich im Sternenlicht des Nachthimmels widerspiegelten. Da fragte ich mich, wo ich mich selbst als Künstler zu positionieren wählte: zwischen den Erwägungen über die Mysterien des Unbekannten, außerhalb unserer Reichweite, oder in den greifbaren Lichtern und Schatten der komplexesten Gemeinschaften und ihrer Realität unter den Straßenlaternen. In diesem Moment waren beide nur kleine Punkte des Lichts, die doch so verschiedene Bedeutungen in sich trugen. Zu dieser Zeit arbeitet ich mit Wissenschaftlern, spekulierte mit ihnen über astronomische Fragen und war zugleich sehr aktiv in sozialen Projekten in einigen der vielschichtigsten Townships Südafrikas.
Diese Begegnung mit dem Licht half mir ein wenig Klarheit zu schaffen zwischen den gegensätzlichen Realitäten, in denen ich mich bewegte und gleichzeitig erkannte ich, dass ich mich konstant zwischen ihnen hin und her bewegen musste, um mein künstlerisches Streben zu erlangen.

Was ist deine Definition von „öffentlich“? Was bedeutet es für dich in der Öffentlichkeit zu arbeiten und was hoffst du zu erreichen, indem du deine Arbeiten in öffentlichen Orten installierst?

Seit 20 Jahren schon bin ich sehr kritisch gegenüber dem System von Museen und Galerien im südafrikanischen Kontext und auf dem restlichen Kontinent. Diesen Orten wird nicht die gleiche Wertschätzung entgegen gebracht, wie wir es aus „westlichen“ Gemeinschaften kennen. Während ich verstehe, dass diese Orte einem bestimmten Zweck dienen (ich stelle selbst als Künstler in Galerien aus), brauche ich in meinem Kontext eine größere Reichweite, ein Publikum, dass nicht nur kontrollierten Ausdruck konsumiert. Die Wände einzureißen, um diese Erfahrung zu ermöglichen, ist unheimlich wichtig. Die Öffentlichkeit zu betreten – eine Öffentlichkeit, die von allen Freien besetzt ist – bietet Möglichkeiten nicht nur Ideen und Diskurse zu vermitteln, sondern auch für den Künstler selbst zu wachsen und eine weitere Relevanz (oder Irrelevanz) seiner Arbeit zu verstehen.
Im diesen Sinne hat meine Arbeit zusammen mit Stephen Hobbs als The Trinity Session versucht die Konventionen von Vergabe und Entwicklung von öffentlicher Kunst herauszufordern und nach alternativen Methoden zu suchen, sich in vielschichtigen Orten und Landschaften zu engagieren. Obwohl diese Orte oft bewohnt sind von Gemeinschaften, die dringendere Bedürfnisse haben als öffentliche Kunst, wird die Kunst relevant, wenn man beobachtet, wie sich der öffentliche Ort verändert und zum Besitz der Gemeinschaft wird. Wir haben festgestellt, dass diese künstlerische Methoden und Erfahrungen uns Zugang geben zu neuen Strategien für das Engagement sowohl in der Entwicklung von Diskursen in zeitgenössischer Kunst, wie auch bei der Erschließung von neuem Publikum.

Als internationaler Künstler hast du in vielen verschiedenen Orten ausgestellt. Wie beeinflusst dies deine Konzepte der Kunst? Passt du dich dem Kontext an, in dem du arbeitest?

Meine Intention ist meist auf die Orte und Plätze einzugehen, in denen ich arbeite. Gelegenheiten ergeben sich im Dialog und daraus entstehen dann Ideen. Ich sehe meine Arbeit als Recherchen – Prozess und nicht als komplett. Das Engagement ist oft intensiv und vielschichtig. Andere Male entscheide ich mich Interventionen zu kreieren, die eher provozieren, als einzubeziehen und nutze dies, um Diskurse zu erschaffen. Neue Ideen, die ich in neuen Räumen ausprobieren kann entstehen aus diesen Diskursen. Und so inspiriert die Annäherung und das Feedback eines Ortes den nächsten.

Du arbeitest nicht nur mit vielen verschiedenen Materialien und Kunstformen (Videoinstallation, Performance, ortsspezifische Interventionen) sondern auch in verschiedenen Feldern (Kunst, Wissenschaft, Politik). Was sind Schwierigkeiten, denen du gegenüber stehst wenn du ein neues Konzept entwickelst?

Es ist tatsächlich relativ leicht: Ich sehe Möglichkeit und Idee, die ein bestimmtes Medium benötigen und dann passe ich meinen künstlerischen Ausdruck an das Medium an. Das bedeutet, dass ich mich oft auf Andere verlasse, die mir bei der Realisierung meiner Produktion helfen, wo ich mich mit meinen Fähigkeiten nicht auskenne. Deshalb brauchen einige meiner Projekte länger in der Entwicklung, da ich mir Zeit nehme um mich mit dem Medium auseinanderzusetzen und seine konzeptuelle Relevanz zu verstehen. Dadurch entsteht jedoch auch oft ein reicherer Prozess und ein gehaltvolleres Projekt. Dieses Vorgehen bedeutet auch, dass ich die Wahl meines Mediums und meiner Idee energischer befragen muss und dies enthülle ich oft kreativ indem ich verschiedene Darstellungen der gleichen Ideen ausstelle. Ich verstecke diese Versuche kaum. Ich sehe misslungene Versuche nicht als Fehler, sondern erhalte sie als Teil des angreifbaren Prozesses und ich denke, dass das Publikum eine Chance haben sollte diese Bemühungen ebenfalls zu verstehen.

Denkst du von dir selbst als einem politischen Künstler? Warum, warum nicht? Was ist die Verbindung zwischen Politik und Kunst für dich?

Indem man eine Idee öffentlich vorstellt, nimmt man eine Position ein. Es kann eine neutrale Position sein, aber es ist eine öffentliche Aussage die von verschiedenen Leuten auf verschiedene Weise interpretiert werden wird. Ich kann nicht kontrollieren, wie sie verstanden wird. Aber genau das mag ich daran. Oft versuche ich einige mehrdeutige Elemente in meine Arbeit einzubauen, das könnte als politisch verstanden werden. Daraus entstehen aufregende und provokative Ergebnisse. Bis heute habe ich immer versucht alternative Kanäle und Plattformen für künstlerischen Ausdruck zu finden, die keine politischen Slogans oder Aussagen sind, sondern stattdessen zum kritischen Denken und Antworten anregen. Sobald es diese Erkenntnis und Bestätigung gibt, kann man auch anfangen sich politisch zu der Kunst zu positionieren. Meine sozial engagierten Projekte, die sich in ihren Themenbereichen oft mit politischen Problemen oder Herausforderungen und deren Resultaten beschäftigen, funktionieren als poetische Reflektion über globale Fragen, in denen lokale Gemeinschaften den sonst Machtlosen Stimmen verleihen. In der heutigen Ungleichheit und dem herausfordernden politischen Klima auf der ganzen Welt ist die Entscheidung sich in öffentlichen Plätzen und öffentlichen Diskursen zu platzieren Teil einer größeren politischen Botschaft, die wir Künstler als Möglichkeit nutzen sollten, aber auch die Verantwortung davon ernst nehmen sollten.

Wo siehst du Chancen in einer kleinen Stadt wie Hildesheim auszustellen?

Viel meiner Arbeit hat in großen Städten stattgefunden, jetzt fühle ich mich immer mehr zu kleineren Städten hingezogen, die oft eine Art Mikrokosmos bilden und sich so in einen größeren Diskurs einfügen. Hier habe ich die Möglichkeit einen Arbeitsprozess auszuüben, der sich nicht mit größeren Einflüssen beschäftigen muss, sondern sich auf lokale Stimmen fokussieren kann. Selbst wenn ich in größeren Städten arbeite versuche ich immer die lokalen Gemeinschaften zu verstehen, damit die Idee und das Medium zu ihnen passt, anstatt dass ich versuche alle Bewohner der Stadt zu bedienen. Das Interessante an Hildesheim ist, dass es eine Stadt ist, die eine sehr vielfältige Geschichte hat und gleichzeitig diese wichtige Sammlung an historischen Artefakten aus der ganzen Welt beherbergt, womit es sich in eine Stellung im globalen Netzwerk der Museen-Objekte bringt – etwas, dass ich sehr gerne untersuche.

Was ist das schönste Feedback, dass du jemals für eines deiner Kunstwerke bekommen hast?

Das bedeutungsvollste Feedback ist für mich, wenn Menschen meinem Ansatz der Arbeit weiterführen nachdem unsere Künstler-Publikums-Beziehung zu Ende ist. Manchmal bekomme ich nach einem Engagement oder einer Intervention Fotos zugesendet von jemanden, der dadurch inspiriert worden ist seine Umgebung in einem anderen Licht zu sehen und sich jetzt bestärkt fühlt selbst etwas auszuprobieren. Nicht, dass ich direktes, konstruktives Feedback nicht wertschätze, aber man selbst kennt die Wirkung seiner Arbeiten schlecht und es gibt sehr wenige Wege, diese zu messen. Deshalb ist es so belohnend mit einer kleinen Geste im eigenen Arbeitsablauf überrascht zu werden.