Philipp Mohr: Interview


J: Inwiefern versuchst du deine politische Rolle und deine künstlerische Rolle zu trennen?
P: Das kann ich nicht.
J: Und wie unterscheiden sich die beiden?
P: Die Politik hat in meinem bisherigen Leben die wesentlich größere Rolle eingenommen und hat mich maßgeblich geprägt. Mit der Kunst ist das anders, in meiner Kindheit und Jugend hatte ich nie etwas Kunst zu tun. Und auch in der Schule interessierte ich mich vielmehr für Geschichte und so hinterließen z.B. die Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern den für meine Persönlichkeitsbildung wesentlich entscheidenderen Eindruck, als etwa das Theater oder das Kunstmuseum. Deshalb ist meine Kunst auch so sehr von meiner politischen Haltung geprägt und ohne diesen nicht denkbar. Ich übersetze die Auseinandersetzung mit sozialen, gesellschaftlichen und ökonomischen Fragen in abstrakte Gestalt und gebe den Menschen die Möglichkeit über partizipative Elemente Teil der Arbeit zu werden und Einfluss zu nehmen, woraus eine individuelle Verantwortung erwächst.
J: Theremin, war das erste elektronische Musikinstrument. Wie bist du darauf gekommen?
P: Als ich an der HAWK einen Kurs besuchte, der von Bettina Pelz geleitet wurde, sollten wir erste Ideen für eine Installation entwickeln. Ich habe mich dann relativ schnell an ein Instrument erinnert, das mein ehemaliger Mitbewohner, der in Berlin Nachrichtentechnik studierte, in seinem ersten Studiensemester gebaut hatte.
Obwohl dies viele Jahre her war und ich das Theremin weder live noch in Videos je gesehen hatte, erinnerte ich mich an die Faszination, mit der mein Mitbewohner vom Theremin erzählte. Töne zu erzeugen durch das eigene Energiefeld. Damit wollte ich unbedingt arbeiten.
Also beschäftigte ich mich mit der Funktionsweise und den physikalischen Wirkmechanismen und entwickelte auf dieser Basis die Installation „Origin“.
J: Was bedeutet es für dich, neben den technischen nicht optimalen Voraussetzungen, “Origin” im Lettnersaal des Dommuseums auszustellen?P: Der Raum stellt das Kunstwerk in einen neuen Kontext. In Frankfurt, London und Arnsberg wurde Origin jeweils in architektonisch außergewöhnlichen Orten ausgestellt, die einen großen Einfluss auf die Wirkung des Kunstwerks hatten. In Hildesheim kommt nun die Bedeutung des Ortes hinzu, der durch den prachtvollen Renaissance-Lettner geprägt ist, zu dessen Bedeutung das Kunstwerk in einem durchaus kontroversen Verhältnis zu sehen ist. Und doch passt es inhaltlich sehr gut, da Origin, den Ursprung, die Quelle, den Ausgangspunkt beschreibt und der Lettner früher hinter dem zentralen Ort des Doms stand, dem Altar.
J: Wie hast du dich mit „Sehen“ als Erfahrung auseinandergesetzt?
P: Ich habe vor allem Licht Sehen gelernt durch meine Arbeit als Beleuchter beim Film, anfangs bei Diplomfilmen der Filmakademie Ludwigsburg oder Praktika wie z.B. beim Tatort München. Über die Jahre war ich an immer mehr Filmproduktionen beteiligt, u.A. bei ZDF Fernsehserien, wie „ein Fall für Zwei“ oder „der Staatsanwalt“, dann sind große ZDF Fernsehfilmproduktionen dazugekommen, bis hin zu Warner Brothers Kinoproduktion. Durch meinen Job lernte ich Menschen oder Szenerien zur Dramaturgie passend in Szene zu setzen, wodurch ich Licht lesen lernte und nun habe ich eine mir eigene Handschrift entwickelt und kann mich mit Licht ausdrücken.
J: Was ist dein Lieblingslicht?
P: Ich mag die Glühbirne sehr gerne. Nicht unbedingt als Gegenstand von Kunst, sondern als Lichtquelle meiner Wahl in meinem Zimmer.
J: Was ist deine Lieblingsdunkelheit?
P: Eine klare Nacht bei Neumond, weit entfernt von jeder menschengemachten Lichtverschmutzung. Wenn einem klar wird, wie hell der Nachthimmel doch ist, im vergleich zu dem tiefen Schwarz der Baumsilhouetten.

Interview: Philipp Mohr & Jule Kriesel, Hildesheim 15.Januar 2018