Raika Dittmann: Linien führen ins Gedachte

„Linien führen das Gedachte, ins Vergessene tropfen Spiegelungen, der Erkenntnis im Natürlichen begegnet sich selbst die Ergriffenheit der Strukturen, klärend zersplitternd die Kanten ins Weiß“ _ notierte Raika Dittmann 2016 neben ihren Zeichnungen, da studierte sie schon zwei Jahre an der Hochschule für Bildende Künste Saarbrücken bei Daniel Hausig. Sie wollte Malerei studieren. „Ich dachte damals meine Arbeiten gehören in die Malerei, aber bis heute habe ich nicht herausgefunden, was Malerei eigentlich für mich bedeutet“. Im Laufe des Studiums entwickelt sie einen transdisziplinären Ansatz, der es ihr ermöglicht kleine Papier-gebundenen Formaten ebenso wie Architekturprojektionen zu realisieren. 2016 nimmt sie dem Ausstellungsprojekt SWITCH im Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna teil. Es ist die erste Gelegenheit für sie, eine in-situ Arbeit außerhalb der Hochschule zu zeigen.

Im Atelier arbeitet sie mit Graphit, Tusche und Acryl auf Papier oder Leinwand, sie erprobt Radier- und Druckverfahren, sie arbeitet mit Licht und Schatten als zeichnerischem Material. Sie beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Zeichenmaterial und Zeichengrund, von Werkzeugen und Handhabung, von bewusster Aktion und intuitiver Handlung. Sie schärft ihre Beobachtungsgabe und geht dem Ausfransen der Linie nach, sie ergründet das Flirren in der Wahrnehmung an einer Materialkante oder die Interferenz, die in der Zusammenschau verschiedener Muster und Strukturen entsteht. Dabei fällt dem Diaphanen als dem medialen Gewebe, das sich zwischen Licht und Sicht aufspannt, eine wesentliche Rolle zu. Sie sucht nach bildnerischem Potential um das Wage, das Unbestimmte und das Veränderliche zum expliziten Teil von Bildgeschehen zu machen.

Es interessiert sie nicht nur das Materialvermögen, ihre Beobachtung richtet sich auch auf die Bedingungen ihrer Vorstellungskraft. Die Art und Weise wie sie ihre Haltung beschreibt, erinnert daran wie Roland Barthes in seinem Buch „Die helle Kammer“ die Photographie als ein Interface zwischen Vergangenheit und Gegenwart beschrieben hat _ die Photographie zeigt etwas, das im Moment des Aufnehmens schon Vergangenheit war und das in jeder Betrachtung Teil von Gegenwart wird. In Raika Dittmanns Überlegungen übernimmt das Bewusstsein Rolle der Kamera: Aufnehmen korrespondiert mit Wahrnehmen und Betrachten mit Erinnern. Ihr Anspruch ist es, eine Vorstellungskraft zu entwickeln um über das Schon-Bekannte hinaus zu denken. Es ist eine Suche mit offenem Ausgang, die getragen wird von der künstlerischen Annahme, dass Bildgebung eine nach allen Seiten offene Menge ist. Initiieren und reagieren, betrachten und beurteilen, bedenken und vorstellen sind in einem kontinuierlichen Prozess miteinander verwoben. „Wenn ich im Materialexperiment etwas finde, nehme ich es in den Speicher meiner Vorstellungen auf. Dort kann eine neue Vorstellung entstehen. Wenn sie mich anregt, übertrage ich sie in die materielle Dimension. Meist geht der Übertrag nicht reibungslos und aus diesem Misslingen entsteht wieder etwas, auf das ich mich beziehen kann.“ Damit beschreibt sie, was künstlerische Forschung meint und wie in ihren Prozessen, Experiment und Erkenntnis voneinander profitieren. Sie strebt danach, dass sich in der Viskosität ihrer bildnerischen Arbeiten die Viskosität ihres Bewusstsein-Stroms spiegelt. „Mich interessieren die Grenzen des Materials, aber auch meine eigenen Grenzen. Im Arbeiten entsteht ein Zusammenspiel zwischen dem, was das Material kann und was ich kann – sowohl physisch wie psychisch. Und auch zwischen dem, was ich mir vorstellen und dem, was passiert, wenn ich es umsetze.“

 

Es ist kein analytisches Interesse, das sie antreibt, sondern eher ein poetisches. Im Griechischen umfasst „poiētikós“ das  „zum Hervorbringen gehörende“ und bezeichnet ein Wirkgefüge, dass über das gedanklich und sprachlich Fassbare hinaus reicht. Für Raika Dittmann ist das Poetische ein Wahrnehmungsgeschehen, das einsetzt, wo vertraute Bilder und begriffliche Gewohnheiten nicht ausreichen, um dem, was sich ahnen lässt, Raum und Bild einzuräumen. In der künstlerischen Umsetzung entstehen Gebilde aus Linien, Gewebe und Strukturen, die sich in Fläche und Raum ausdehnen. Sie sind nicht als regelmäßige angelegt, sondern als organische _ rankend, blasen schlagend, floral anmutend, wellen formend. Sie folgen keinem Muster und keinem Rapport, sondern sind Kompositionen bildnerischer Ereignisse: der Verlauf von Tusche wie in der Serie „Zeichenfolge“, das Bröckeln von Putz wie in der Serie „Mauerwerk“ oder das Verdichten von Kunststoffen wie in der Serie „Chaordisch“. Raika Dittmann freut sich, wenn das tastende Beobachten, dem sie in der Vorbereitung einer ortsspezifischen Installation nachgeht, sich auch in der Art und Weise wie Betrachter_innen ihre Arbeiten erfahren, fortsetzt. „Etwas ganz Besonderes ist es, wenn ich sehe wie jemand eine meiner Arbeiten einfach nur auf sich wirken lässt.“

Ihre Materialien kommen aus dem künstlerischen Alltag _ alles das, was in einem Atelier gewöhnlich zu finden ist, einschließlich Infrastruktur und Architektur. „Ich nehme mir Zeit, um einen Ort zu sichten und sein Material zu begreifen … es geht mir darum etwas zu entdecken, das mir Orientierung gibt, für das, was ich tun kann. Alles um mich herum kann zum Gegenstand meiner Beobachtung und zum Material der Kunst werden.“ Zu einem der „Rundgänge“, den offenen Ateliers an der HBKsaar, wählte sie das Waschbecken und seine Zuleitungen für die erste in-situ Variante von „Chaordisch“ aus: Zellenartige Formationen aus Kunststoffen und Miniaturleuchten mit stromführenden Zuleitungen, die sie wie Geäst aussehen lässt, choreografiert sie in einem kinetischen Zusammenspiel, dass durch das Luftverhalten im Raum bewegt wird.

Ihre Art und Weise des suchenden Beobachtens entspricht, dass sie sich nicht von den Begrenzungen von Papierbögen oder Leinwänden einschränken lässt, sondern sich auf den gesamten Raum, der sich im Blick erfassen lässt, bezieht. In der in-situ Variante aus der Serie „Chaordisch“, die Raika Dittmann zu den LICHTUNGEN entwickelte, übersetzten sich die Bewegungen der Betrachtenden im Raum in Bewegungen von transluzenten Objekte. Die Kunststoff-Objekte begannen sich um ihre eigene Achse zu drehen. Die analoge Animation veränderte den Blick auf die Objekte und das Lichtbild, sie modulierte das Schattenspiel im Raum und auf der Raumhülle.

In allen Arbeiten lassen sich die Spuren ihrer Entwicklung zurückverfolgen, Raika Dittmanns Arbeiten sind eine Art Aufzeichnungen der künstlerischen Recherche: „Eigentlich mache ich nie etwas rückgängig, sondern jeder Schritt bleibt erhalten, auch wenn etwas auf seine Art misslingt, bleibt es und wird zum Material für etwas Weiteres. Meine Arbeiten sind immer auch eine Dokumentation meines Prozesses.“ In der künstlerischen Setzung suchen diese Notate ihre Konnotationen, mit denen sich der Zusammenhang von Linie, Gestalt, Bild und Sinn neu ordnen lässt. Die amerikanische Künstlerin Mary Corse, die wie Raika Dittmann mit optischen Partikeln komponiert, spricht von ihren Arbeiten als „ein Werkzeug, dass eine Erfahrung ermöglicht, die es uns erlaubt, tiefer in die Wirklichkeit einzudringen oder neue Bedeutungen zu generieren, eine andere Gegenwart oder einen anderen Seins-Zustand.“[1] (1)

Die Art und Weise wie Raika Dittmann ihren künstlerischen Prozess beschreibt, zeugt von einer bildnerischen Ambition, die eng mit einer intellektuellen Sensibilität verbunden ist. Als Künstlerin verortet sie sich einer Matrix von Wahrnehmung, Denkfiguren und Weltbilden. In ihrer Weltbetrachtung geht es ihr um jenen Vorgang, bei dem aus sinnlicher Empfindung und intellektueller Übersetzung ein Wirkgefüge wird, das Raum für künstlerisches Handeln erzeugt. „Mich interessiert das Bildnerische, wenn es zu abstrakt wird, dann beginne ich wieder nach dem Bildgebenden zu suchen.“

Zitate, wo nicht anders ausgewiesen: Raika Dittmann.
Interviews: Aylin Michel und Bettina Pelz.
Text: Bettina Pelz

Weitere Quellen
(1) Alex Bacon: In Conversation: Mary Corse with Alex Bacon. On: The Brooklyn Rail. 3 June 2015.
URL https://brooklynrail.org/2015/06/art/mary-corse-with-alex-bacon 8 June 2018. Zitat: … the works are “a tool that creates an experience that makes us understand reality in a deeper way, or which generates a new meaning, or presence, or state of being.” Übersetzung: Bettina Pelz.