Max Sudhues: Von der Liebe zu roten Pfefferkörnern

„Ich bin ein Maler“ _ wenn Max Sudhues über sich als Künstler spricht, dann bezieht sich dies eher auf seine Art zu sehen und zu choreographieren als auf Leinwand und Farbe als das Material, das gewöhnlich mit Malerei assoziiert wird. Max Sudhues arbeitet sich an der Erscheinung der Dinge und den damit verbundenen Codierungen und Sinngefügen ab. Ihn interessiert, was passiert, wenn ein Ding sein Format verändert, wenn es zum Bild wird oder wenn es den Kontext wechselt. Er dehnt den Moment, in dem der Augenschein und das Sinnfällige auseinanderdriften. Er mäandert zwischen Mikro- und Makro- Kosmos und sucht den ästhetischen Moment, der die Öffnung auf eine andere Sichtweise einleitet. Seine Arbeiten sind Collagen und Montagen, Sehaufgaben und Erfahrungsfelder. Sie sind Bühnen- und Begegnungsräume: „In der Tradition der „Collage“ schaffe ich (bewegte) Bilder und Räume, in denen die ursprünglichen Objekte sichtbar bleiben, aber so verblassen, so dass eine Reihe von assoziativen Interpretationen möglich ist.“

Sammeln und sortieren, ausschneiden und einfügen, einordnen und ausdenken _ Max Sudhues ist in der Tradition von Kurt Schwitters beheimatet. Als Dadaist und Tondichter, als Komponist und Typograf, nutzte Schwitters die Collage wie eine Momentaufnahme. Er integrierte Pappfetzen, Textstücke und Ticketüberbleibsel, die er auf der Straße gefunden hatte. Zeitungspapier war ein Stück dieses Alltags. So entstand „merz“ als ein Zeitungsausriss und wurde zu einem eigenständigen Kunstwort für unzählige Collagen, Gemälde und Installationen. „Mein Ziel ist das Merzgesamtkunstwerk, das alle Kunstarten zusammenfasst zur künstlerischen Einheit. Zunächst habe ich einzelne Kunstarten miteinander vermählt. Ich habe Gedichte aus Worten und Sätzen so zusammengeklebt, dass die Anordnung rhythmisch eine Zeichnung ergibt. Ich habe umgekehrt Bilder und Zeichnungen geklebt, auf denen Sätze gelesen werden sollen. Ich habe Bilder so genagelt, dass neben der malerischen Bildwirkung eine plastische Reliefwirkung entsteht. Dieses geschah, um die Grenzen der Kunstarten zu verwischen.“ _ beschreibt Kurt Schwitters sein Interesse an der Collage. Ebenso wie seinem Freund László Moholy-Nagy ging es Schwitters um die Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit aller Medien. Moholy-Nagy war der Überzeugung, dass „alle Gestaltungsgebiete des Lebens eng miteinander verknüpft sind“ und 1922 publizierte er zusammen mit Lajos Kassák das „Buch neuer Künstler“, in dem sie die Wechselwirkungen und Transfers zwischen Malerei und Bildhauerei, Architektur und Technik analysierten.

In der Gegenwart, in der „cut and paste“ zu allererst als Anweisung für einen Computer verstanden wird, nutzt Max Sudhues die Collage, um entlang der Grenzverläufe zwischen analoger und digitaler Dimension zu recherchieren. „In einem Parcours aus Installationen, verschiedenen Projektionen, Videoloops, Fotografie, ortsspezifischen Interventionen und einer großen Auswahl an kombinierten Materialien versuche ich die Grenzen von analog und digital, von Licht und Schatten ausloten. Mit verschiedenen Projektionsmethoden – von der Bürolampe bis zum Beamer – erstelle ich Bilder.“ Es geht ihm um das Suchen und Finden, das Sehen und Zeigen, das Entdecken und Abbilden. Max Sudhues‘ dialektische Arbeitsweise verbindet künstlerische Forschung und Praxis auf eine ganz eigene Art und Weise. Seine Suchbewegung lässt sich in der künstlerischen Arbeit ebenso nachvollziehen wie seine Fundstücke. In seinen Arbeiten bilden Dokumentation und Intervention ein Art Wirkgefüge, indem Ästhetik als Generator fungiert.

Sudhues liebt Bildbearbeitung durch rote Pfefferkörner, er sammelt Kinderspielzeug für Scherenschnitte und Schattenbilder, er nutzt Blumen _ wilde, kulturvierte und künstliche _ für Lichtbilder und Projektionsräume. Fast immer ist irgendwo ein Ventilator zu finden _ als ein Werkzeug der analogen Animation oder zur Kühlung von Projektoren. „Ich beziehe mich auf den scheinbar statischen Zustand des Alltags, der in Wirklichkeit einem ständigen Wandel unterworfen ist, um allegorische, manchmal mitreißende Bildwelten zu schaffen, die, obwohl der Mensch in ihnen abwesend ist, sein Handeln und seine Maßstäbe in einem Spannungsfeld von Emotion, Technik, Architektur, Gesellschaft und Natur zeigen.“ Max Sudhues hat eine Art ästhetischen Zweifelns entwickelt, die für einen Riss in dem Gewebe der Tatsachen und Gegebenheiten sorgt. Immer wieder gelingt der Sprung ins Ungewisse und immer wieder verschiebt er die Grenzverläufe von Immanenz und Transzendenz.

Der Künstler Philippe Parreno, der wie Sudhues menschenleere Environments entwickelt, beschreibt es so: „Ich glaube, wenn man die Dinge auseinandernimmt, kann man sie neu wahrnehmen. Man merkt, dass es sich um zwei oder drei verschiedene Eindrücke handelt und nicht nur um einen. Man sieht etwas, man hört etwas. Man braucht beides, aber nicht unbedingt synchron.“ Parreno reist derzeit mit Hefekulturen. Sie sind eines der Steuerelemente in seinen Ereignisräumen. Am Ende des Ausstellungszyklus will Parreno ihre DNA und deren Veränderungen untersuchen lassen: „Es ist interessant zu sehen, wie eine Serie von kulturellen Ereignissen den genetischen Code eines unsichtbaren Wesens beeinflusst. Und zu sehen, wie diese unsichtbaren Kreaturen unsere Wahrnehmung lenken, indem sie die Ausstellung in Bewegung setzen. Dadurch merken wir, sie sind nicht neben uns, sondern in uns. Wir atmen sie ein, und sie atmen uns ein.“ Wie bei Philippe Parreno ist die Arbeitsweise von Max Sudhues ist eine Art Vergewisserung, dass das Andere, das Ungesehene existiert.

Max Sudhues beschäftigt das Fragmentarische und das Unvollendete. Fehlende Zusammenhänge und Widersprüche betrachtet er wie eine Karte eines nicht erschlossenen Terrains, in diesem Sinne ist er eine Art Weltenbummler. Seine Installationen und Interventionen sind ein poetisches Spiel, eine sinnliche Übung, ein Gedankenexperiment, in denen Wissen und Ungewissheit, das Bestimmte und das Unbestimmte als korrespondierende Pole erscheinen. Seine Interventionen mäandern, sie orientieren sich an der Dialektik des Sichtbaren und des Unsichtbaren, des Verborgenen und des Unverborgenen, von Erkenntnis und dem Mangel an Erkenntnis. Es entsteht eine neue Realität, eine andere Erzählweise. In seinen Environments wird der Zweifel zum Ereignis und zur Erfahrung. „Hinter dem vertrauten alltäglichen Vordergrund suche ich nach Momenten der Verwirrung und Entfremdung, nach Erscheinungen, die versuchen, mit Wahrnehmungsgewohnheiten zu brechen.“

In seiner oft ortspezifischen Arbeitsweise koppelt er Aufnahme und Wiedergabe, Sehen und Darstellung, Kamera und Projektion zu einem Wirkmechanismus. Es entsteht ein Drehmoment, das eine dem Ort- oder dem Zusammenhang eigene Achse thematisiert. Fluchtpunkt und Perspektive werden neu gesetzt, Blickwinkel öffnen sich und das Narrativ des Vorgefundenen und der Ready-Mades wird überarbeitet. In der künstlerischen Setzung entsteht ein Wirkgefüge, in dem sich Künstler und Besucher_innen begegnen. „Mir geht es darum, dass meine Arbeiten in der Betrachtung und Erfahrung eine Art Resonanz erzeugen, die sich mit dem persönlichen Bezugsrahmen der anderen verbindet. Mich interessiert, wenn meine Wirklichkeit auf andere Wirklichkeiten trifft. Subjektivität ist eine schöne Erfahrung …“ Er beschreibt seine Arbeiten als Sehräume, die Menschen zuerst mit ihren Augen betreten.

Mit dem Sehen korrespondiert die künstlerische Auseinandersetzung mit Licht als dem Ur-Medium, in dem die Evolution des Sehens aufgehoben ist. Sudhues fragt nach der Geschichte, die in der Erscheinungsform der Dinge und in dem Medium, in dem sie erscheinen, eingeschrieben ist. Wenn er über das Vergangene und das Erinnerte, das Vergessene und das Vermisste spricht, zitiert er Alexander Kluge _ „Die Sehnsucht der Zellen: Ich habe etwas verloren. Dadurch habe ich Sehnsucht. Das Leben ist in dieser Hinsicht indirekt und sucht etwas, das verloren ging. Wie man weiß, wiederholen sich die 37° der Urmeere, aus denen wir kommen in unseren Körpern. Auch der Salzgehalt der Urmeere entspricht dem Salzgehalt der unserer Nieren. Es scheinen in der Entwicklung, in einer enormen Erinnerungsfähigkeit, Glücksmomente verborgen zu sein, die Millionen Jahre zurückliegen, nach denen sich die Zellen zurücksehnen, ohne dass wir davon wissen.“

Das Schattenspiel im Sinne von Platons Höhlengleichnis, die Camera Obscura im Sinne von Ibn Al Haythem oder die Camera Lucida im Sinne Roland Barthes‘ korrespondieren mit der Art und Weise, in der Max Sudhues mit Licht als Material, Medium und Metapher umgeht. Wie bei Christian Boltanski oder bei Fischli / Weiss gibt es eine Reihe von Installationen, in denen _ wie in einer Laterna Magica _ Objekt, Silhouette und Schatten miteinander zu einem analogen Bild verwoben werden. In der Sudhueschen Wunderkammer sind außerdem auch Objekte und Lichtzeichnungen, Bilder und Bilddaten, Architektur und Technik zu finden: „Alles, alles wird zum notwendigen Detail“.

Seine Installationen und Interventionen zeichnen sich durch den reflektierten Umgang mit physikalischem Licht als Medium der Wahrnehmung und der Darstellung aus. Der Lichtraum ist der Bühnenraum und zugleich der Wahrnehmungsraum. Nach Licht und Schatten als Material der Kunst gefragt, antwortet Christian Boltanski: „Es ist mir wichtig, dass der Betrachter nicht vor dem Werk bleibt, sondern vom Kunstwerk umgeben ist, sozusagen in dem Kunstwerk ist.“ Max Sudhues stimmt dem zu. Für ihn bildet sich im Licht nicht nur das Verhältnis von Zeit und Raum ab, sondern auch das zwischen Künstler und Betrachtenden: „Das Sehen ist eine sehr direkte, gleichzeitig intime Erfahrung für mich. Es ist eine unmittelbare Verbindung mit dem Zuschauenden …“. Den Licht- und Sehraum, in dem sich Werk und Wirklichkeit, Künstler und Besucher_innen begegnen, betrachtet er als den öffentlichen, den allgemein zugänglichen Raum. „Öffentlichkeit beginnt mit einem Paar Augen, einem menschlichen Körper und seiner Seele – um in Interaktion mit und in Reaktion auf Gesellschaft, Architektur und Natur, Gefühle und Gedanken zu entwickeln und auszudrücken.“ Christian Boltanski beschreibt dies als die Fortsetzung der Malerei mit anderen Mitteln: „Und ich möchte mit meinen Werken Gefühle erzeugen und Fragen stellen, ohne Worte zu verwenden oder Worte wie Bilder einzusetzen. Maler arbeiten mit Bildern.“ Auch hier ist Max Sudhues einverstanden. Ihm gelingt, was der Philosoph Marcus Steinweg von der Kunst fordert: „Das Feuer, welches Künstler_innen im Herzen etablierter Realitäten entfachen, muss die gesamte Dialektik der Erregung umfassen, anstatt lediglich die Asche der Leidenschaft darzustellen.“

Interviews mit Max Sudhues: Jule Kriegel und Bettina Pelz.
Text: Bettina Pelz. 25. Mai 2018.

QUELLEN

1 _ Zitiert nach: Paul Pörtner: Literarische Revolution 1910-1925. Dokumente – Manifeste – Programme. Band 2. Neuwied/Berlin: Hermann Luchterhand Verlag 1961. Seite 540.
2 _ László Moholy-Nagy: 8 Bauhausbücher“, München 1927. Zitiert nach Wulf Herzogenrath, Tilman Osterwold und Hannah Weitemeier: Laszlo Moholy-Nagy, Stuttgart: Hatje 1974. Seite 56.
3 _ Simone Reber: Philippe Parreno in Berlin _ Eine Ausstellung ohne den Menschen. Deutschlandfunk Kultur / Fazit 24.5.2018.
URL http://www.deutschlandfunkkultur.de/philippe-parreno-in-berlin-eine-ausstellung-ohne-den.1013.de.html?dram:article_id=418679
26.5.2018
4 _ Simone Reber: Philippe Parreno in Berlin _ Eine Ausstellung ohne den Menschen. Deutschlandfunk Kultur / Fazit 24.5.2018.
URL http://www.deutschlandfunkkultur.de/philippe-parreno-in-berlin-eine-ausstellung-ohne-den.1013.de.html?dram:article_id=418679
26.5.2018
5 _ Alexander Kluge: Die Kunst, Unterschiede zu machen. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003. In: Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit e.V.: Max Sudhues _ Mutterseelenallein. Münster/Hamm: Kettler Druckverlag 2008.
6 _ Kristin Schmidt: Interview mit Christian Boltanski. In: Kunstmuseum Liechtenstein _ Informationen für Lehrerinnen und Lehrer _ Ausstellung: Christian Boltanski: La vie possible. Kunstmuseum Liechtenstein 2009. URL http://www.kunstmuseum.li/bilder/2560.pdf 12. Januar 2018.
7 _ Kristin Schmidt: Interview mit Christian Boltanski. In: Kunstmuseum Liechtenstein _ Informationen für Lehrerinnen und Lehrer _ Ausstellung: Christian Boltanski: La vie possible. Kunstmuseum Liechtenstein 2009. URL http://www.kunstmuseum.li/bilder/2560.pdf 12. Januar 2018.
8 _ Marcus Steinweg: Dialektik der Rastlosigkeit. Übersetzung: Mirko Wittwar. Performance Philosophy Journal. Vol 3, No 2 (2017).
URL http://www.performancephilosophy.org/journal/article/view/186/261 25. Januar 2018