Ursula Scherrer: Interview

Ursula Scherrer’s künstlerischer Weg begann mit Tanz und Choreographie und führte weiter zu Fotografie, Video, Text, mixed Media und Performance Art. Sie entwickelt Bildräume, die Fotografie als Lichtzeichnung, Projektion als Lichtbild und Licht als raumbildendes Medium verbindet. Ein Schwerpunkt ihrer performatven Arbeitsweise ist die Translokation von Denkräumen, Vorstellungen und Erinnerungsbildern, in denen Farbe, Form und Raum als zeitliche Phänomene verstanden werden.

Wie verstehst du Öffentlichkeit? Was bedeutet es für dich in der „Öffentlichkeit“ zu arbeiten?

„Die Öffentlichkeit ist ein Ort, wo alle Menschen willkommen sind. Kunst ist Leben, für mich gibt es da keine klare Grenze. Mein Leben ist ein Teil meiner Arbeit und das öffentliche ein Teil der Kunst.
Die Umgebung, der Raum, in dem ich arbeite, hat einen grossen Einfluss auf meine Arbeit. Ich kann schlecht etwas theoretisch konzipieren. Ich muss an Ort und Stelle sein und den Ort spüren, nicht nur mit meinen Augen sehen, sondern mit meinem ganzen Körper. Wenn immer möglich gehe ich auf den Raum direkt ein, arbeite mit dem Raum. Dabei geht es auch sehr um die Energie eines Ortes, das was jenseits der Oberfläche anwesend ist.“

Wie hast du dich mit LICHT / SEHEN /… als Erfahrung auseinandergesetzt?

„Licht hat etwas magisches. Es ist und es ist nicht. Wir sehen Licht nur, wenn es auf eine Fläche fällt. Diese Fläche kann so klein sein wie ein Staubpartikel. Licht legt sich um Flächen wie die Haut um den Körper. Licht hat eine unheimliche Kraft ins Dunkel zu dringen. Wo Licht hereindringt, dehnt sich das Licht mit einer Intensität in das Schwarze hinein.
Ich bin ein obsessiver Mensch. Ich kann immer wieder dasselbe sehen, filmen, fotografieren, immer wieder aus einem ganz klein wenig anderen Winkel heraus – diese minimale Verschiebung hält mich im Bann.
Letztendlich mache ich immer dasselbe und doch nicht ganz, auf verschiedenen Ebenen.“

Was inspiriert dich für deine Arbeiten?

„Was immer ich mache, die Kernidee muss von innen kommen. Nur dann spüre ich, dass sie lebt, dass auch die Arbeit ein inneres Leben hat. Es hat viel mit Intuition zu tun. Die besten Ideen kommen als Bild zu mir, dann geht es an die Ausarbeitung. Oft geht es weniger darum, was das Publikum sieht oder hört als darum, was das Gesehene oder Gehörte im Betrachter auslöst.“

Was steht im Vordergrund deiner Arbeit?

„Zeit. Die Zeit zu verzerren. Wenn ich lange meditiere, weiss ich am Ende nicht, ob es lange oder kurz war, es gibt keine Zeit mehr, die Zeit verschwindet. Wenn ich ausatme und in dem Raum nach dem Ausatmen verharre, bevor ich wieder einatme, spüre ich ein Moment des Nichts, wo nichts existiert. Dieser Moment hat keine Dauer, es gibt kein Gefühl der Dauer, es gibt nur das pure ’sein‘ – ein kleiner Tod?
Zudem liebe ich das, was ich nicht kontrollieren kann. Ich suche immer wieder neue Wege die Kontrolle zu umgehen und in die Idee, die Intuition zu vertrauen. Im Zufall fallen einem oft Perlen zu!“

Was ist das besondere an einer Zusammenarbeit (mit Liliya)?

„Ich arbeite oft mit anderen Künstlern zusammen, sehr oft mit Musikern, aber auch Choreografinnen, Regisseuren, Lichtkünstlern, Dichtern. Das macht die Arbeit spannend. Es entsteht ein Dialog. Liliya und ich arbeiteten letztes Jahr das erste Mal zusammen. Intuitiv kamen unsere Ideen zusammen ohne die Arbeit zu ‚zerreden‘. Ich denke eigentlich wurde uns erst danach bewusst, was wirklich entstanden ist. Das ist die Magie des Dazwischens.“

Warum hast du zugesagt, nach Hildesheim (in die Provinz) zu kommen?

„Mich interessiert es wenig, ob ein Ort gross oder klein ist, zudem kenne ich Hildesheim nicht, so habe ich auch kein Bild von der Stadt, noch von ihrer Grösse. Ich freue mich sie kennen zu lernen und über die Möglichkeit meine Arbeit zu zeigen, egal wo.“