Houda Ghorbel und Wadi Mhiri: Zeitgenossenschaft

Als künstlerisches Team mit sehr unterschiedlichen Ausbildungen und Erfahrungen, bilden Houda Ghorbel und Wadi Mhiri ein Tandem, dessen professionelle Praxis Kunst, Design und Architektur umfasst. Sie widmen sich soziokulturellen sowie politischen, religiösen und philosophischen Themen. Das kollektive Gedächtnis und seine Bedeutung für die Entwicklung von Identität, gesellschaftlicher Kohärenz und bürgerschaftlichem Engagement sowie für demokratische Kultur und Meinungsfreiheit sind wiederkehrende Themen ihrer künstlerischen Forschung und Praxis. Sie engagieren sich in der Zivilgesellschaft und verstehen ihre Arbeit als eine Art kritische Begleitung der Gegenwart. Im Mai 2017 schufen sie mit der Intervention „Circle Vicieux“ an der „Porte Espagnole“ im Hafen von La Goulette bei Tunis ein eindrucksvolles Symbol für alle Flüchtlinge, die ihr Leben verloren haben bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Es gehört zu ihren Stärken eine ikonische Bildsprache zu entwickeln.

Ihre Werke profitieren von den profunden Kenntnissen traditioneller Handwerke wie Weberei, Schneiderei und Töpferei. 2016 entwickelten sie ein Ausstellungsprogramm mit dem Titel „Ward et Cartouches“ (de: „Rosen und Patronen“), für das sie eine Reihe von keramischen Reliefs und Installationen entwickelten. „Mit unseren Bildern thematisieren wir was uns am Herzen liegt; mit der Wahl der Materialien verbinden wir diese mit den handwerklichen Traditionen in unserer Kultur.“ Zu den Werken der Ausstellung gehören Werke wie „Pensées Canalisées“, das aus einem Rohrsystem besteht das in eine Reihe von verzerrten Gesichtern mündet. Eine andere mit dem Titel „Les Cinq Moments de la Journée“ bezieht sich auf die fünf Gebetszeiten pro Tag in der islamischen Kultur. Es ist eine Installation von fünf identischen Objekten aus Keramik mit einer glänzenden weißen Glasur. Ihre Form ist eine Mischung aus einer Rakete, einer Patrone und einem Penis. Sie sind von oben auf die Betrachtenden gerichtet. „Mit unseren Arbeiten thematisieren wir alle die, die unsere Gebete in nutzlose Taten verwandeln. Auch „Allongez-Vous“ ist dafür ein gutes Beispiel. Das ist eine Installation, die die Besucher_innen einlädt, sich auf ein weißes Bett zu legen, um sich unter einer Vielzahl hängender Patronen zu finden, die das Wort „Jihad al-Nikah“  (de: „Sex Dschihad“) ergeben. Die Arbeit bezieht sich auf die gegenwärtige Praxis, dass tunesische Frauen nach Syrien reisen, um jihadistische Kämpfer sexuell zu befriedigen. „Wir leben in einer sehr anspruchsvollen Zeit. In gewisser Weise sind unsere Arbeiten wie Zeugnisse. Wir wollen dem, was das Gesicht unserer Zeit prägt, ein Bild geben.“

Für die Ségou d‘Art Messe 2016 entwickelten sie eine groß angelegte Arbeit mit dem Titel „Contenants pour a Continent“ aus 600 weiß lackierten Kalebassen, die in der Form des afrikanischen Kontinents montiert waren: „Unsere schwimmende Installation besteht aus von weiß lackierten Kalebassen durch Eisendraht verbunden. … Die Kalebasse ist eine Trockenfrucht. Sie ist ein integraler Bestandteil vieler afrikanischer Zivilisationen und dient als multifunktionales Werkzeug, als Teller oder Behälter, als Bewässerungs- und als Musikinstrument – um nur einige zu nennen. Sie werde benutzt und repariert und sie werden von einer Generation an die nachfolgende weitergegeben. Die Kalebasse, eine heilige Begleiterin für Afrikaner_innen. … Die aus Kalebassen geformte Karte von Afrika erscheint uns wie ein Symbol für Einheit und Zugehörigkeit. Es ist ein Aufruf für Liebe und Frieden gegen alle Geißeln wie Terrorismus und Bürgerkriege, die an dem afrikanischen Kontinent nagen. Für uns stellen diese Kalebassen den Traum eines vereinten Afrikas dar, ohne Grenzen, reich durch seine vielen Zivilisationen und seine außerordentliche kulturelle Mischung. Wir übergeben sie dem Fluss des Flusses als eine Beschwörung des Himmels für ein besseres Morgen.“

2014 realisierten Houda Ghorbel und Wadi Mhiri ihre erste gemeinsame Arbeit mit UV-Licht. „Wir haben Licht als ein Material für uns entdeckt, das einen ganzen besonderen Fokus ermöglicht. Im Zusammenspiel von UV-Licht mit weißen Flächen beginnen diese zu leuchten und der gesamte Umraum verblasst. Wir experimentierten mit verschiedenen Materialien, bearbeiteten Formen. Irgendwann begannen wir mit dem dunklen, bläulichen Raum als skulpturalem Material zu arbeiten. Mit weißem Fadenmaterial haben wir Wände nachgezeichnet oder quer durch den Raum gebaut. Wir erforschen die Grammatik von Licht und Reflexion, Farbe und Raum. Licht macht einen Raum zu einem leuchtenden Volumen und die Reflexion von leuchtendem Weiß ist ein starker Impuls für das menschliche Auge. Uns gefällt der Minimalismus des Materials, die minimale Invasivität des UV-Lichts, der niedrige Energieverbrauch und das äußerst interessante ästhetische Ergebnis.“ In den letzten Jahren sind Houda Ghorbel und Wadi Mhiri zu einer der herausragenden Positionen in der bildenden Kunst auf dem afrikanischen Kontinent geworden, die Licht in der Bildenden Kunst thematisieren.

In ihren lichtbasierten Arbeiten entwickeln sie eine einzigartigen Mischung aus figurativen und abstrakten Aspekten, um symbolische Werte und metaphorische Bilder zu schaffen. „So viele Dinge, die in unserer Welt passieren, konfrontieren uns mit einer anspruchsvollen Komplexität miteinander verflochtener Entwicklungen und fortwährender Dynamik. Wenn wir mit Licht arbeiten, schaffen wir Gemälde mit einer räumlichen und einer zeitlichen Dimension. Sie sind wie drei- oder vierdimensionale Metaphern, die unsere Haltung ausdrücken und unseren Besucher_innen eine ästhetische Erfahrung bieten. Wir hoffen auf ein Echo in ihren Herzen und Köpfen.“

Zu den gemeinsamen Arbeiten von Houda Ghorbel und Wadi Mhiri gehören Objekte, Mixed-Media-Installationen und kontextspezifische Interventionen. Seit 2012 arbeiten sie regelmäßig als Team, als Paar leben sie seit 23 Jahren zusammen. Houda Ghorbel studierte Bildende Kunst, promovierte über wissenschaftliche und künstlerische Techniken und unterrichtet heute an der Kunstakademie Tunis. Wadi Mhiri widmet sich seit 2004 der Fotografie, zuvor studierte er Modedesign in Paris. Beide stellen regelmäßig im Mittelmeerraum und auf dem afrikanischen Kontinent aus. Sie engagieren sich in kooperativen und edukativen Umgebungen wie dem ART MATTERS Kollektiv, einer internationalen Gruppe von Künstler_innen und Kurator_innen, die neue Möglichkeiten für kontextbezogene Kunstprojekte in Afrika und Europa entwickelt.

Alle Zitate von Houda Ghorbel und Wadi Mhiri. Zusammenfassung des Interviews vom 3. Oktober 2017 von Bettina Pelz